gepfropfte Kakteen – Gedanken zu einem kontroversen Thema

Was das Pfropfen von Kakteen angeht, so stellte ich in den letzten Wochen und Monaten fest, spaltet sich die Kakteengemeinde sehr deutlich in zwei Lager. Die einen sind die Verfechter des natürlichen Wuchses, die gepfropfte Kakteen als unnatürlich, gar hässlich ansehen und solche Pflanzen vehement ablehnen, wohingegen ihnen gegenüber eine nicht zu verachtende Menge an Befürwortern steht.

Da ich selbst immer eine ablehnende Haltung zum Thema Pfropfen einnahm, möchte ich die Thematik aus der Sicht eines ehemals eher voreingenommenen Kakteenfreundes beleuchten und schildern, wie sich meine Meinung zum Thema Pfropfen nach und nach änderte.

Der Inbegriff des gepfropften Kaktus ist der Erdbeerkaktus, Gymnocalycium mihanovichii cv. Hibotan. Neben Gymnocalycium mihanovichii cv. Hibotan existieren noch Echinopsis- (Echinopsis chamaecereus) und Sulcorebutiaarten (oftmals Sulcorebutia rauschii), die durch ihre inflationär hohe Anwesenheit in Bau- und Supermärkten quasi das Dreigestirn der gepfropften (Kirmes-)Kakteen darstellen und jedem Kind – wenn auch nicht namentlich, so zumindest optisch – bekannt sind.

Wer sich mit der Materie Kaktus nicht auskennt, wird sich natürlich keine weiteren Gedanken über das exzentrische Aussehen dieser Pflanzen machen und findet seine Freude so oder so in ihrer Optik; Eine rote stachelige Knolle, ein gelbes Gewirr aus stacheligen Fingern oder grünschwarze Kugeln sind es, die auf ihrem grünen Stamm nur darauf warten, an der Kasse als Spontankauf im Einkaufswagen zu landen.

Das allgegenwärtige Vorhandensein dieser Pflanzen führte auch dazu, dass ich bereits in recht früher Kindheit unwissentlich mit gepfropften, im Nachhinein sehr interessanten, Kakteenarten in Berührung kam. Anfangs war ich ein großer Fan dieser Pflanzen und erfreute mich an ihnen, wenn meine Mutter mir wieder einmal ein solches Exemplar vom samstäglichen Einkauf mitbrachte.

Doch irgendwas war an diesen Kakteen anders

Zwar wusste ich nicht, was an ihnen so speziell war und wieso sie obenrum alle unterschiedlich aussahen, wohingegen der „Stamm“ nahezu immer identisch war. Doch war mir recht schnell klar, dass dies nicht ihre natürliche Erscheinung sein konnte. Dies und das frühe Ableben aufgrund falscher Pflege durch infantile Unwissenheit untermauerte nach und nach eine ablehnende Haltung gegenüber solchen Exemplaren.

Ohne mich daraufhin jemals wieder mit dem Thema befasst zu haben, zog sich die Ablehnung gepfropfter Kakteen (mittlerweile kannte ich die Bezeichnung solcher Konstrukte), bis weit ins Erwachsenenalter.

Warum wird gepfropft?

Befasst man sich etwas ausführlicher mit der Materie „Pfropfen“, wird man feststellen, dass diese Methode in der Pflanzenkultivierung ihre absolute Daseinsberechtigung hat. Pfropfen im Allgemeinen ist eine Form des Veredelns. Dies impliziert somit bereits, dass der Mensch dadurch höhere Erwartungen an die gepfropfte Pflanze stellt, als an die natürliche Wildform und die gepfropfte Form somit im allgemeinen dem Menschen einen höheren Gegenwert bietet.

Bezieht man das Pfropfen nun explizit auf Kakteen, sind es in erster Linie Vorteile, die ins Auge fallen, die sich durch natürlichen Wuchs nicht erzielen lassen. Gepfropfte Kakteen wachsen meist schneller und kräftiger. Sie sind je nach Unterlage deutlich robuster und verzeihen auch den ein oder anderen Pflegefehler. Dies sind natürlich Vorteile für den Menschen, von der die Pflanze primär nicht profitiert, sofern sie denn auch ohne Pfropfung überlebensfähig wäre.

Hier steht somit das persönliche Bedürfnis des Menschen im Vordergrund. Salopp gesagt: Der Mensch ist faul und bequem und bastelt sich ein künstlich erschaffenes Lebewesen nach seinen Ansprüchen zurecht, das Fehler verzeiht und ihn dennoch erfreut. Argumentiert man auf diesem Wege, wird man irgendwann über das Thema Ethik stolpern (ok, wir wollen ja nicht übertreiben..) oder sich zumindest die Frage nach Sinn und Unsinn solcher Schöpfungen stellen. In Verbindung mit dem eigenen Geschmack und eigenen, negativen Erfahrungen manifestiert sich so schnell eine ablehnende Haltung.

Doch gibt es auch Pfropfungen, die einzig dem Wohl der Pflanze dienlich sind. Im Pflanzenreich treten bisweilen Mutationen auf, die aus eigener Kraft nicht überleben können. Hat man beispielsweise einen Kaktus, der von Natur aus kein oder nur sehr wenig Chlorophyll produzieren kann, ist seine Lebenszeit natürlich sehr limitiert (siehe: Gymnocalycium mihanovichii cv. Hibotan). Setzt man ihn nun auf eine Unterlage, kombiniert man somit das gute Wachstum einer gepfropften Pflanze mit der Tatsache, der Pflanze durch die Unterlage nun den Stoffwechsel zu ermöglichen und das Überleben der Pflanze zu sichern. Auch bei verfaulten Wurzeln, die der Pflanze einen vorprogrammierten Tod bescheren, kann das Pfropfen die letzte Rettung sein.

Interessanerweise stieß ich in letzter Zeit auch auf Stimmen, die auch diesen Grund der Pfropfung in Grund und Boden argumentierten. Vom Umgehen von Naturgesetzen, wie dem der natürlichen Selektion („Was auf natürlichem Wege nicht lebensfähig ist, sortiert die Natur von allein aus!„), war so manches Mal die Rede. Doch muss man allenernstes über solche Argumente diskutieren, wenn es um Pflanzen geht? Ich persönlich halte dies für unangebracht und völlig überzogen.

Fakt ist allerdings: das Pfropfen wird häufig zu voreingenommen betrachtet, wobei nachvollziehbare Contrapunkte oftmals gar durch irrationale Argumente in den Hintergrund gedrängt werden. (Ich schreibe hier aus eigener Erfahrung!)

Nur keine falsche Scheu vor gepfropften Pflanzen

Das nachvollziehbarste Contraargumente des Pfropfens ist verständlicherweise die spätere Optik der gepfropften Pflanzen. Natürlich geht vorerst der natürliche Habitus verloren. Wer kann sich auch schon einen Lophophora williamsii, Tephrocactus geometricus oder gar ein Aztekium ritteri als Hochstamm vorstellen? Doch spielt hier auch die Art der Pfropfung eine entscheidende Rolle. Setzt man die Pfropfung ausreichend tief an, hat die gepfropfte Pflanze die Möglichkeit, sich später auf der gesamten Unterlage auszubreiten und diese im Optimalfalle zu überwuchern, was dem natürlichen Habitus später am nähesten kommt.

Nachdem ich nun auf skurrile und nachvollziehbare Argumentationen contra Pfropfen stieß, muss ich mir doch selbst eingestehen, dass meine Antihaltung wirklich banaler Natur und vor allem unbegründet war. Rational betrachtet, gibt es m.E. – bis auf den persönlichen Geschmack – nichts, was gegen das Pfropfen spricht. Denn durch Pfropfungen hat man

a) die Möglichkeit, Vorteile mehrerer Pflanzen vegetativ zu kombinieren, ohne in deren Genetik einzugreifen und ist

b) in der Lage, das Überleben von sonst nicht überlebensfähigen Pflanzen zu sichern.

Was letztendlich doch aus Sicht eines Pflanzenfreundes zählt ist nur eines: die Pflanze lebt und gefällt.

Nachtrag zum Artikel:

Dieser Artikel löste bei einigen Menschen sehr emotionale Reaktionen aus. Mehr dazu im Artikel „Reaktionen zum Artikel gepfropfte Kakteen

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