Interview: experimentelle Kakteenanzucht unter in vitro Bedingungen

Die Kakteenanzucht ist ein spannender Prozess, dessen Erfolg von vielen Faktoren abhängt. Die Wahl des geeigneten Substrates ist hierbei oftmals eine Glaubensfrage, bei der es viele unterschiedliche Auslegungen gibt. Die einen schwören auf selbstgemischte mineralische Substrate, die anderen gar auf die – in dem Bereich sonst verpönte, torfhaltige – Anzuchterde.

Einen ganz anderen Weg beschritt Julia aus dem Forum „Kakteen- und Sukkulentenfreunde“ auf Facebook: Sie säte Echinocactus grusonii Samen in vitro aus.

in vitro – Eine Methode, die in Laboren und in der hochspezialisierten Pflanzenvermehrung, wie beispielsweise der Orchideenzucht zum Einsatz kommt. Dabei werden die Samen auf einer Nährlösung in sterilen Petrischalen zum keimen gebracht. Dass diese Methode nicht nur bei Bakterienkolonien und Orchideen vielversprechend ist, sondern auch für experimentierfreudige Kakteenfreunde einen starken Anreiz bieten kann, stellt das aktuelle Ergebnis des Experiments recht eindrucksvoll dar; Mittlerweile sind die -Ende August- in vitro gesäten Kakteen „deutlich größer“, als die konventionell gesäten Pflanzen von Mai.

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Kakteensämlinge in Nährlösung. (Bild: Julia F.)

Doch damit das Experiment gelingt und man sich keine unerwünschte Bakterienkolonie heranzüchtet, müssen nicht nur die Petrischalen, sondern auch jegliche verwendeten Pflanzenteile steril und keimfrei sein. Ein Prozess, der besonders bei filigranen Samen kompliziert erscheint – schließlich möchte man ihre Keimfähigkeit beibehalten. Unklar ist auch, ob die in vitro gesäten Kakteen ihren Vorsprung auch in Zukunft beibehalten werden und wie sie nach dem Pikieren mit gewöhnlichem Kakteensubstrat zurechtkommen.

Natürlich bleiben einige Fragen offen, doch dienen solche Experimente dazu um eben diese Fragen früher oder später zu klären und neue Wege zu ergründen. Trotz (oder auch wegen) der Komplexität ist dies ein hochinteressantes Thema. Julias Bilder sprechen eindeutige Worte zum Wachstumsverhalten der Sämlinge. Doch wer nun darauf hofft, fortan durch in vitro Kultur auf der Fensterbank Kakteen im Eiltempo zu kultivieren, wird sicherlich einen Dämpfer erhalten. Denn der Wachstumsfortschritt der in vitro Kakteen wird von der Komplexität der in vitro Kultur per se überschattet, die in Sachen Reinlichkeit keine Kompromisse kennt und dem Otto-Normal-Kakteenfreund ohne Laborzugang sicherlich keine all zu optimistischen Ergebnisse liefern würde.

Zu ihrem Experiment stand mir Julia Rede und Antwort und gab einen Einblick in ihr Experiment

Vegetation daheim: Hallo Julia, danke, dass Du uns an deinem Experiment teilhaben lässt. Die in vitro Sämlinge sehen wirklich prima aus! Hast Du schon andere Pflanzen via in vitro Kultur vermehrt, oder ist die Kakteenkultur eine Premiere?

Julia: Hallo. Ja die Kakteensämlinge sehen sehr vielversprechend aus. Ich arbeite normalerweise mit Kartoffelpflanzen. Da ist die sterile Anzucht ja sehr einfach, weil man die kleinen Pflänzchen einfach abschneiden kann und so ganz schnell vermehren kann. Den Vorteil gibt es bei Kakteen leider nicht, umso neugieriger war ich, ob es klappen könnte. Wir haben auch schon Drosera und Geranien in-vitro gezogen. Das klappte auch sehr gut. Als nächstes wollten wir versuchen Rosen zu kultivieren.

Vegetation daheim: Die in vitro Anzucht von Kakteen ist sicherlich ein sehr experimenteller und ungewöhnlicher Weg. Du schreibst unter deinen Bildern, dass du in einem Labor arbeitest. Heißt das, dass Du die Samen unter Laborbedingungen gesät hast, oder ist eine solche in vitro Kultur auch in der Wohnung möglich?

Julia: Ich habe die Samen während der Pause in der Arbeit steril auf das Nährmedium gelegt. Das Nährmedium muss sterilisiert werden. Das heißt 20 min bei 121°C gekocht werden, damit es steril ist. Der Rest wird dann unter der Sterilbank durchgeführt. Das heißt die normale Luft, die mit Pilzsporen und Bakterien voll ist, wird durch keimfreie Luft ausgetauscht. Theoretisch könnte man das vielleicht auch zu Hause durchführen, wenn diese Bedingungen hergestellt werden können. Das wäre aber bestimmt sehr umständlich und teuer. Umso froher bin ich, dass ich so etwas in der Arbeit ausprobieren kann.

Vegetation daheim: Ich habe gelesen, dass bei der in vitro Kultur nicht nur die Petrischalen, sondern auch alle anderen verwendeten Komponenten, so auch die Pflanzenteile und Samen, steril sein müssen. Wie hast Du deine Kakteensamen sterilisiert, ohne ihnen die Keimfähigkeit zu nehmen?

Julia: Die Kakteensamen habe ich in 3 Gruppen aufgeteilt und verschiedene Anwendungen durchgeführt. Die 1. Gruppe wurde nur in sterilem Wasser abgewaschen. Die 2. Gruppe habe ich zusätzlich 30 sek. in 100%-igem Ethanol gewaschen. Und die 3. Gruppe habe ich nach der Ethanolbehandlung noch 2 1/2 min in einer 20%-igen Natriumhypochlorit-Lösung sterilisiert. Die 3. Behandlungsmethode wird bei uns für die Kartoffelsamen durchgeführt. Da die Drosera-Sämlinge das aber nicht aushielten, habe ich verschiedene Möglichkeiten ausprobiert. Die Echinocactus grusonii waren dagegen unempfindlich. Sie wuchsen bei allen 3 Methoden, nur bei der ersten Methode waren sie teilweise zu unsteril und die Pilzkulturen wuchsen schneller als die Sämlinge. Hier habe ich einige wenige verloren.

Vegetation daheim: Als Laie würde ich darauf tippen, dass die Nährlösung überwiegend aus Wasser besteht, stimmt dies? Ist die Nährlösung dann nicht zu nass für Kakteen? Hattest Du schon Probleme mit Fäulnis an deinen Kakteensämlingen?

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zwei Sämlinge fallen durch ihre kallusartige Struktur auf (Bild: Julia F.)

Julia: Das Nährmedium besteht großteils aus Wasser, ja. Aber durch den zugegebenen Agar wird das ganze fest. Man könnte es mit fester Gelatine vergleichen. In dem Nährmedium befinden sich viele Nährstoffe, die nach Bedarf der Pflanzen ausgerichtet sind, um so eine optimale Versorgung garantieren zu können. Bei den Kakteen war ich gespannt, ob sie das Medium mögen würden. Aber die kleinen Pflänzchen nehmen sich nur die Feuchtigkeit, die sie brauchen. So hatte ich deshalb keine Ausfälle. Nur 2 Sämlinge sind sehr komisch kallusartig gewachsen. Diese werde ich bald entfernen.

Vegetation daheim: Für ein finales Fazit ist es jetzt natürlich noch zu früh. Bis dato ist das Ergebnis aber überwältigend. Hoffen wir, dass den Kakteensämlingen ihre experimentelle Keimumgebung nicht zum Verhängnis wird und sie auch weiterhin so gut gedeihen. Apropos: wie lang hält sich die Nährlösung und wann willst du die Sämlinge pikieren?

Julia: Ja ich hoffe auch, dass es so gut weiterläuft wie bisher. Die Sämlinge müssen bald pikiert werden, weil die Petrischalen zu niedrig werden. Ich werde sie demnächst in sterile Weckgläser umsetzen müssen. Das Medium sollte etwa für ein halbes Jahr bis Jahr ausreichend sein. Danach wird es trocken und kann die Pflänzchen nicht mehr ausreichend versorgen. Wenn die Sämlinge etwa 1 1/2 Jahre alt sind, werde ich versuchen einen Teil in Erde zu setzen, um zu sehen ob sie stark genug geworden sind. Der große Nachteil der in-vitro-Kultur ist, dass die Pflanzen sehr viel empfindlicher sind, weil sie in ihrem kompletten Wachstum nur optimale Bedingungen kennen. Den anderen Teil werde ich aber in-vitro behalten um zu sehen wie es weitergeht.

Vielen Dank an Julia für die interessanten Einblicke in diese Thematik!

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2 Antworten zu “Interview: experimentelle Kakteenanzucht unter in vitro Bedingungen

  1. Die kleinen sehen ja lustig aus. Ich hab mir immer nur die großen versionen der Pflanzen aus der Gärtnerei gekauft.
    Aber man entwickelt nochmal eine ganz andere Bindung zu den Pflanzen wenn man sie von klein auf aufgezogen hat.

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    • besonders interessant ist, dass man die Wurzeln in der transparenten Nährlösung wirklich gut beobachten kann und aufgrund des hohen Kontrastes die Sämlinge sehr gut zu erkennen sind. Ich selbst säe ja prinzipiell nur auf Anzuchtsubstrat aus, da braucht man schon etwas mehr Geduld, eh man die kleinen grünen Kollegen auf dem dunklen Untergrund erkennt. Aber ja, die Bindung zu selbstgesäten Pflanzen ist eine völlig andere! :)

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